St. Michael

Von der Gründung bis heute...

(aus der Broschüre: "ST. MICHAEL" Aachen-Burtscheid von Helmut und Ingrid Doerenkamp)

I.  Zur Geschichte der Pfarre und der Kirchenbauten

Die Pfarrkirche St.Michael in Aachen Burtscheid steht in einem untrennbaren geschichtlichen und baugeschichtlich - architektonischen Zusammenhang mit der unmittelbar benachbarten ehemaligen Abteikirche St.Johann-Baptist.Gelegen auf der im Südosten das Wurmtal begrenzenden Anhoehe, dem Johannesberg und dem Michaelsberg, bilden beide Kirchen eine unverwechselbare und im Rhein-Maas-Gebiet einzigartige barocke Stadtkrone. Als ehemalige "Leutkirche" der Abtei ist die Michaelskirche die aelteste Pfarrkirche für die Bewohner Burtscheids und hat im Laufeihrer Geschichte eine eigene Bedeutung und Auspraegung erlangt. Von einer Pfarrkirche und damit einer Pfarre St. Michael erfahren wir erstmals aus einer Urkunde des Kölner Erzbischofs Konrad von Hochstaden, ausgestellt zwischen Ende Juni und dem 17. November 1252. Durch sie gliederte er der Burtscheider Johannisabtei die Pfarrkirche St. Michael ein und uebertrug der Aebtissin und dem Konvent der Zisterzienserrinnen den Kirchenzehnt, den die Bewohner von Burtscheid an die Pfarrkirche St. Michael zu zahlen hatten. Zur Begruendung verweist die Urkunde auf die schweren wirtschaftlichen Schaeden, die die Abtei anlaesslich der Belagerung der Kroenungsstadt Aachen durch Wilhelm von Holland 1248 erlitten hat. Diese Uebertragung setzt sowohl ein aelteres Patronatsrecht des Klosters als auch einer bereits existierende Pfarre und Pfarrkirche St. Michael voraus.
Das Kloster auf dem Johannisberg, 997 durch Otto III. als kaiserliche Gruendung angelegt und von seinem Vertrauten, dem
frueheren Abt Gregor (= 4.11.999) des Basilianerklosters St. Andreas in Cerchiara, Kalabrien, als Gruenderabt geleitet, erhielt durch Kaiser Heinrich II. am 21.1.1018 aus kaiserlichem Besitz das Rodungsgebiet zugewiesen, das im wesentlichen die spaetere "Herrlichkeit Burtscheid", das heutige Stadtgebiet Burtscheid/Frankenberg umschließt sowie imLaufe der Zeit viele weitere Besitzungen und Rechte. Die "villa Porceto" ist aus dem Gebiet der "villa Aquisgrana", dem karolingischen
Pfalzbezirk, ausgegliedert worden. Eine Urkunde Heinrichs III. vom 6.6.1040 gliedert auch die "Koenigsleute" aus Burtscheid aus dem Zehntbezirk der Pfalzkirche St. Maria, der Haupt- und Mutterkirche Aachens, aus und machte sie zu Klosterleuten, die nunmehr dem Benediktinerkloster Burtscheid abgabe- und dienstpflichtig wurden und zu dem sie jetzt also auch kirchlich und rechtlich gehoerten. Mit der Landzuweisung von 1018 fielen die Gebiete des Burtscheider Altdorfes links des Wurmbaches, der die alte Dioezesangrenze zwischen dem Bistum Luettich - zu dem das Aachener Marienstift gehoerte - und dem Erzbistum
Koeln bildete, aus dem Luetticher Sprengel an Koeln, was auf der Aachener Provinzialsynode von 1023 entschieden wurde.
Wann es zur Gruendung der Pfarre St. Michael und zum Bau der ersten Pfarrkirche gekommen ist, ist nicht bekannt, jedoch mit
Sicherheit vor 1252. 1215 erfolgten Schenkungen an alle Aachener und Burtscheider Kirchen; bei diesen wird St. Michael nicht genannt. Ein Streit um Pfarrrechte der Abtei mit dem Dekan des Marienstiftes, der1230 durch einen Vergleich beigelegt wurde, laesst eine Kompensation von Pfarrrechten fuer dem Marienstift verlorengegangene Zehntrechte an St. Michael vermuten (Thomas Wurzel), so dass eine Gruendung zwischen 1215 und 1230 anzunehmen ist. Das Michaelspatrozinium kommt bisweilen bei fruehen Gruendungen von dem Benediktinerorden zugehoerenden Kirchen oder Kapellen vor - St. Michaels als der Heilige der Hoehen, auf denen Benediktiner gern siedelten -, aber der Erzengel erscheint oft auch als Patron von anderen Kirchen und Pforten vor anderen Kirchen - so hier vor dem Immunitaetsbezirk des Johannesklosters - oder als Patron von
Kirchhoefen (Michaelskirchhof und z.B. Michaelskapelle am Kanonikerkirchhof des Aachener Muensterstiftes). Mit der Gruendung der Pfarre duerfte aus die aelteste Michaelskirche errichtet worden sein. Seit 1252 der Kirchenzehnt an die
Zisterzienserinnen, denen im Winter 1220/21 anstelle der Benediktiner das Kloster auf dem Johannesberg uebertragen worden war, uebergegangen war, hatte dieses auch die Unterhaltspflicht fuer den Pastor uebernommen. Dieser besaß nun zwar nicht mehr die Selbstaendigkeit eines Pfarrers, hatte aber weiterhin alle pfarrlichen Aufgaben zu verrichten. Dafuer spricht auch die Einrichtung eines Sendgerichts an St. Michael. Papst Alexander IV. bestaetigte dem Kloster die Inkorporation am 3.5.1256 unter der Bedingung, dass der Kaplan aus den Einkünften unterhalten werden muesse. Eine spaetere Urkunde, die auch die Residenzpflicht fuer den Vikar der Kirche fordert, nennt als Einkommen fuer ihn die "Opfergaben, die Geschenke, den kleinen Zehnt sowie 1 Mark un 2 Schillinge"; 1353 sind es jaehrlich 10 Mark Aachener Waehrung. Fuer die Unterhaltung der Pfarrkirche wurde folgende Regelung getroffen: Das Kloster hatte fuer den Chor, das Langhaus und die beiden kleinen Glocken zu sorgen, waehrend die Gemeinde den Turm und die Bannglocke, der Pastor die Sakristei und spaeter auch den Chor zu unterhalten hatte.
Gegen 1352 ist die aelteste romanische Kirche um ein gotisches Chor erweitert worden. Eine Ansicht der Kirche auf dem aeltesten Gemaelde Burtscheids (1570) von Lukas van Valckenborch und eine Grundrisszeichnung Couvens vor deren Abriss 1748 erlauben eine genauere Beschreibung der ersten Michaelskirche: "Das hohe, im Laufe der Zeit leicht durchgesackte Satteldach ist ueber die Seitenschiffe gezogen. Der mächtige romanische Westturm hat eine abgewalmte Dachhaube mit geknicktem Fuß.

Ein Turmkreuz ueber dem Westort und eine Wetterfahne auf dem oestlichen Firstende bekroenen dieses Turmdach. Große Arkaden oeffnen sich in dem gequaderten Mauerwerk oberhalb der gekoppelten Schalloecher der Glockenstube. Seitlich neben dem Turm steht ein kapellenartiger Anbau. Durch hohe Maßwerkfenster erhaelt der fuenfseitige gotische Chor mit seinen einfach gestuften Pfeilervorlagen reichlich Licht, waehrend die kleinen Fenster der Schiffswaende korbbogig enden und aus Naturstein (Blaustein) gebildete Blenden aufweisen. Zur Nordseite betritt man die (dreischiffige) Kirche durch eine zweifluegelige Tuer. Vier Fenster unterteilen die Langhausmauern. Die Eingangstueren befanden sich auf der Sued- und Nordseite dicht an der westlichen Mauer. Diesem Raum fuegte sich nach Osten der Chor von etwa 8,35 m Laenge und 7,50 m Breite an.

Die Kirche maß etwa 28,70 m in der Laenge bei einer Breite von etwa 14,35 m. An die Nordseite lehnte sich ein nahezu quadratischer Kapellenraum. Moeglicherweise stand in ihm der "Sebastianusaltar" (Kuepper).

Andererseits koennte es sich hier oder aber in der Turmhalle um das Baptisterium gehandelt haben. Die Ausstattungstuecke der Kirche sind nicht bekannt. Die wertvollen Geraetschaften mussten sogar nach jedem Gottesdienst in einem besonderen Kasten in die Abtei gebracht werden.

Um die Wende zum 17. Jh. war die Michaelskirche so reparaturbeduerftig geworden, dass eine Re-novierung auf Kosten der Abtei und der Pfarrei bis 1625 durchgefuehrt wurde. 1748 machte die romanische Saeulenbasilika mit gotischem Chor dann einer neuen Kirche platz.

In der Regierungszeit der baufreudigen Aebtissin Anna Karola Margarete von Renesse (1713 - 1750) und Maria Antonia von Woestenrath (1750 - 1759) erfolgte der fast gleichzeitige Neubau der beiden Kirchen St. Johannes und St. Michael unter dem bedeutenden Stadtarchitekten Johann Joseph Cou-ven (1701 - 1763). Beide Kirchen bestimmen bis in die Gegenwart hinein die einmalig schoene Silhouette aus der Wurmtalansicht, die Stadtkrone Burtscheids.

Die Abteikirche St. Johann (1735-41 und 1748-54), die bedeutendste Barockkirche zwischen Maas und Niederrhein, war Couvens geniales Frühwerk; es findet Parallelen im mainfraenkischen und italienischen Barock. Die Pfarrkirche St. Michael dagegen wurde 1747 geplant und in der kurzen Bauzeit von 1748 bis 1751 errichtet, als der reifere Couven der damals moderneren und strengeren klassizistischen franzoesischen Architektur zuneigte. Vorbilder zu St. Michael kann man in Paris (St. Sulpice und St. Roch) und in Luettich (Jesuitenkirche) finden. Auch sind Einfluesse J.C. Schlauns anzusetzen.

Die Michaelskirche ist aus dem Grundschema der Pfeilerbasilika der Hochrenaissance in barockisierender Ausformung (Schoenen) entwickelt. Nicht die barocke Kuppel, sondern ein Gleichgewicht von Westturm mit Laterne und Vierungshaube mit Vase und Zwiebeltuermchen; nicht eine unterordnende Anordnung der einzelnen Bauteil, sondern eine reihende - sollten ihren aeußeren und inneren Charakter bestimmen. Allerdings dann die Ausfuehrung der Couvenschen Plaene durch die knappen Geldmittel der Abtei bestimmt. Das erste, reiche und sofort reife Kirchenprojekt (siehe nachstehend) musste Couven zum Nachteil der Kirchengestalt zugunsten eines stark reduzierten zweiten Projektes aufgeben. Der Chor wurde eingedrueckt, das Querhaus ohne Apsiden gebaut, das Langhaus um ein Joch verkuerzt, der romanische Turm beibehalten und zu beiden Seiten mit Kapellenraeumen versehen. Statt der von Couven geplanten Vorhalle wurde ein kleiner, rechteckiger Raum angebaut.

Schon nach drei Jahren Bauzeit war 1751 die Michaelskirche in der reduzierten Ausfuehrung vollendet. Couven hatte die schon bei der Kuppelkirche St. Johann bewaehrten Tiroler Handwerker Gebrueder Franz (Maurermeister) und Paul (Zimmermeister) Klausener mit der Ausfuehrung des Baues beauftragt. Den Blaustein hatte man aus dem abteilichen Steinbruch "Katzenkuyle" bei Buschhausen am ehemaligen Kornelimuensterweg gewonnen, die Ziegelsteine vermutlich in der Naehe der Baustelle gebrannt. Auch die Innenausstattung der Michaelskirche stand unter dem Diktat der Sparsamkeit. Nur drei Altaere, Kommunionbank, Kanzel und eine bescheidene Orgel sind ausgefuehrt worden.

Im alten Reich war der Pfarrsprengel von St. Michael identisch mit der "Herrlichkeit Burtscheid" gewesen. In der Folge der Saekularisation des Johannesklosters 1802 und der Eingliederung der Rheinlande in den franzoesischen Staat traten einschneidende Veraenderungen in der Pfarre auf. Am 18.3.1804 trat eine neue, vom damaligen Ersten Konsul Napoleon genehmigte Pfarrumschreibung in Kraft, die auch durch die Neuordnung von 1806 und 1808 nicht weiter veraendert wurden. St. Michael in Burtscheid wurde als Kantonalpfarrei für den Kanton (Kreis/Dekanat) Burtscheid zu einer Pfarrei erster Klasse mit 17 Succursalpfarreien, zu denen 1806 als 18. Hilfspfarrei St. Johann-Baptist gelangte. Das Dekanat Burtscheid umfasste auch die Pfarreien Brand, Kornelimuenster, Breinig, Vennwegen, Hahn, Walheim, Forst, Eilendorf, Haaren, Verlautenheide, Weiden, Wuerselen, Kohlscheid, Richterich, Laurensberg, Orsbach und Horbach. Der Pfarrer von St. Michael erhielt den Titel Oberpfarrer.

Mehr als 100 Jahre nach der Errichtung der Couvenkirche wurden weitere Veraenderungen an der Michaelskirche durchgefuehrt. In den Jahren 1857 bis 1862 scheint man neue Kirchenmoebel angeschafft zu haben. Auch brach man nach 1860 die scheunenartige Vorhalle ab und schuf einen kastenfoermigen neoromanischen Vorbau mit reich geschmuecktem Portal und zweifluegeliger neobarocker Tuer; bekroent wurde dieser Vorbau mit den heute noch vorhandenen Plastiken an der Außenfront von St. Michael.

1872 begann der Kirchenmaler Michael Welter mit der Ausmalung der bis dahin weiß gekaelkten Kirchenwaende im Innern. Man begann mit dem Chorraum: die Pilaster wurden weiß marmoriert, die Kapitelle vergoldet, die Wandflaechen in Spiegel eingeteilt und mit musivischen vielfarbigen Ornamenten in Kreuz- und Sternform ausgeschmueckt. In der Chorkonche wurde nach romanischem Vorbild Christus als Weltenrichter dargestellt. Auch die Kuppel war im 19. Jh. bereits ausgemalt worden. Indem man an deren Thematik anknuepfte, fuehrte man dann die Ausmalung des Langhauses ebenfalls in neoromanischem Stil fort. Unter Leitung von Joseph Buchkremer wurden die Aufbauten von Hochaltar und Seitenaltaeren 1898 durch den Bildhauer Mueller umgestaltet. Eine bauliche Sanierung der Michaelskirche war zuvor noch um 1875 durchgefuehrt worden.

In den 1880er Jahren wuchs die Zahl der Seelen in den beiden Burtscheider Pfarren so stark an, dass die Kirchen viel zu klein wurden. Die Michaelsgemeinde entschied sich zunaechst statt fuer den Bau einer dritten Burtscheider Kirche fuer eine Erweiterung von St. Michael. Die Plaene des Aachener Architekten Peter Friedrich Peters, der 1901 - 03 auch den Neubau der Marienkapelle in Burtscheid durchfuehrte, wurden am 6.2.1891 genehmigt. Der mittelalterliche Turm wurde bis auf die Fundamente niedergelegt und die Kirche um zwei Joche nach Westen erweitert. Die beiden ehemaligen Seitenkapellen wurden zur Verlaengerung des Langhauses neu eingewoelbt und das vierte Joch in der Form eines Scheinquerhauses verbreitert. Eine geschweifte Orgelbuehne, auf zwei Saeulen ruhend, ragte nunmehr vor der oberen Turmhalle in den Kirchenraum hinein. Ein neuer, im Sinne des Wilhelminischen Zeitalters proportionierter Turm veraenderte erheblich die urspruengliche Couvensche Konzeption. Im Unterbau des Turmes sind Architekturteile, Rahmungen und Figuren der Vorhalle von 1860 in der entsprechenden Anordnung wiederverwendet worden. Das Glockenstubengeschoss erhielt ein breit umlaufendes Blausteinprofil, auf dessen Eckkroepfungen große Wasserspeier angebracht waren. Vier achteckige Tuermchen flankierten die Uhrengiebel. Eine vierseitige Zeltkuppel leitete zu der achteckigen Laterne ueber, der eine Zwiebelhaube mit hohem Spitzhelm aufgesetzt war (nach Kuepper; siehe untenstehendes Bild). Das Chronogramm 1892 zeigt das Datum der Fertigstellung an. Die Konsekration erfolgte erst am 21.7.1900 durch den Koelner Erzbischof Simar.

Schon bald wurden die Malereien in der Chorkonche in Anlehnung an die inzwischen neugebaute Filialkirche von St. Michael, die Herz-Jesu-Kirche, durch eine Herz-Jesu-Darstellung ersetzt. 1901 wurde auch die Sakristei durch einen rund um den Chor gefuehrten Bau mit Mansarddach erweitert. In dieser Baugestalt, die bis zu den Bombennaechten des Zweiten Weltkrieges das Bild der St. Michaelskirche bestimmte, ist sie den aelteren Burtscheidern noch in lebendiger Erinnerung.

Nach der stuermisch verlaufenen Baugeschichte im Frankenberger Viertel (ab 1872) hatte nun doch eine dritte Burtscheider Pfarrkirche erbaut werden muessen. 1899 gruendete sich der Kirchbauverein, 1908-10 erfolgte der Bau der Filialkirche Herz-Jesu im durch einen Bahndamm kuenstlich abge-trennten Burtscheider Stadtviertel Frankenberg in neoromanisch-byzantinischem Stil (Professor Kleesattel, Duesseldorf). Mit der Errichtung von Herz-Jesu ging vor allem das Frankenberger Viertel fuer die Pfarre St. Michael verloren. Am 1.10.1941 uebernahm das neugebildete Rektorat St. Alfons weitere Teile von der Kirchengemeinde St. Michael.

Im Bombenkrieg des Zweiten Weltkrieges hat, wie Burtscheid insgesamt und auch die Schwesterkirche St. Johann-Baptist, die Pfarrkirche St. Michael schwerste Zerstoerungen erlitten. Es begann mit dem zweiten Großangriff in der Nacht des 5.10.1942, als nach der Explosion einer Luftmine im Burtscheider Krankenhausgarten die Kirche fuer den Gottesdienst nicht mehr benutzbar war. Der dritte Großangriff auf Aachen vom 14.7.1943 zerstoerte u.a. durch Brand Dach, Turmhelm, Vierungskuppel und Gewoelbeteile im Langhaus der gerade wieder hergerichteten Kirche. Der vierte Großangriff vom 11.4.1944 traf mit zerstoererischer Wucht vor allem den historischen Kern von Burtscheid, u.a. das wiederum erneuerte Dach von St. Michael. Die Gewoelbe mussten spaeter abgerissen werden; lediglich das Kreuzgewoelbe im Chor, die Tonnengewoelbe im Querhaus, die Pendentifs der Vierung und die Haengekuppeln der Seitenschiffe aus Ziegelsteinen hatten den Sprengbomben standgehalten. Der groeßte Teil der barocken Inneneinrichtung war verbrannt. Burtscheid und seine beiden Couvenkirchen boten einen grauenvollen Anblick. Die Pfarrgemeinde St. Michael erhielt am 18.11.1945 den Bunker im ehemaligen Burtscheider Kurhaus als Notkirche zugewiesen.

Der Wiederaufbau der Pfarrkirche St. Michael nach dem Zweiten Weltkrieg glich in vieler Hinsicht einem Neubau. Die beiden Architekten, die diesen Wiederaufbau leisteten, waren Peter Salm (1942-58) und Hans Kuepper (1958-84).

Den ersten Gottesdienst in der vorlaeufig instandgesetzten Pfarrkirche konnte die Pfarrgemeinde am 13.11.1949 feiern. Eine Holzbalkendecke ueberspannte die Kirchenschiffe, statt der Vierungskuppel ueberdeckte eine Kalotte aus Rabitz die Vierung. Das geschieferte Mansarddach wurde durch ein abgewalmtes Ziegeldach provisorisch ersetzt.

Bis zum 8.7.1958 wurden dann auch die fehlenden Gewoelbe eingezogen und der provisorische Wiederaufbau vorlaeufig abgeschlossen (Architekt Peter Salm, Aachen). Unter der Leitung des Aachener Architekten Hans Kuepper wurden in den folgenden mehr als zweieinhalb Jahrzehnten die Innenausstattung der Kirche und ihre aeußere Gestaltung in Annaeherung an Couvensche Vorstellungen zunehmend vervollstaendigt (s. Baubeschreibung). Das nordrhein-westfaelische Kultusministerium in Duesseldorf und der Landeskonservator Rheinland hatten bereits 1978 erklaert, dass die Wiederherstellung der beiden Burtscheider Kirchen mit ihrer einmaligen Silhouette "von nationaler Bedeutung" sei, und sie hatten folgerichtig die finanzielle Last bei der Wiederherstellung mitgetragen; den uebrigen hohen Anteil trugen Bistum, Pfarrgemeinde und private Spender.

Infolge der zunehmenden Besiedlung Burtscheids seit dem Zweiten Weltkrieg wurde eine weiter Filiation von St. Michael notwendig. Die Plaene fuer ein neues Pfarrzentrum, das mit Kirche, Pfarrheim, Priesterwohnung und Kindergarten geplant war (Architekt Sandhoff), musste man aus finanziellen Gruenden reduzieren. Stattdessen wurde ein neuartiges Konzept, ein Gemeindezentrum, baulich verwirklicht (Architekt Hubert Olion) und am 14.11.1970 eingeweiht. Bis heute bilden St. Michael und St. Aposteln pfarrlich eine Einheit.

II. Baubeschreibung der Kirche St. Michael

Das langgestreckte Kirchengebaeude mit etwas nach NO verschobener Ausrichtung anstelle einer exakten Ostung erstreckt sich parallel zum Talverlauf auf der Bergkuppe des Michaelsberges. Auf einem kraeftigen Sockel mit Blausteinverblendung, die an der Nordseite unterbrochen ist und Reste des Mauerwerks vom romanischen Vorgaengerbau sichtbar werden laeßt, erhebt sich das aus Ziegelmauerwerk errichtete Bauwerk, von dessen dunkelrosa Anstrich sich die hellen Blausteinfassungen der Gesimse, Fenster- und Tuergewaender sowie die Portalrahmung der Westseite deutlich abheben. Die Gesamthoehe des Turmes einschließlich der Michaelsfigur betraegt 49 m, die gesamte Laenge der Kirche 52 m, die Breite des Querhauses 21,50 m.

Dem hohen, von zwei niedrigen Seitenschiffen flankierten Langhaus von fuenf Jochen ist nach Osten ein breites Querhaus vorgelagert, das außen aber nur geringfuegig aus der Fluchtlinie des Langhauses hervortritt. Letztere wird ebenfalls von dem vierten, breiteren Langhausjoch durchbrochen, an dessen Stelle bis 1891 der romanische Turm mit den begleitenden Seitenkapellen gestanden hat und das nun fast querschiffartig die Seitenschiffe durchschneidet. An das oestliche Querhaus schließt sich der aus einem Rechteckjoch und einem dreiseitigen Chorhaupt bestehende Chorraum an. Er ist von niedrigen Sakristeibauten umgeben. Im Westen erhebt sich vor der Mitte des Langhauses der dreigeschossige, 1891/92 in neobarocken Formen errichtete, durch Blausteingesimse gegliederte Turm (Architekt Peter Friedrich Peters). Die Portalzone ist reich ausgestattet; hierbei wurde das reich geschnitzte, zweifluegelige Eichenportal von 1892 wieder verwendet (1984 restauriert). Eine elfstufige Treppe fuehrt zu ihm hinauf, und es wird von der Werksteinblendarchitektur aus den Jahren 1861/62 umrahmt. Diese traegt in der Hoehe des zweiten Turmstockwerks plastischen Schmuck: eine durch einen Rundbogen und einen Dreieckgiebel betonte Nische umschließt eine Statue Marias mit dem Jesuskind, "St. Maria, sine labe concepta"; ihr zur Seite stehen vier musizierende Engel (Figurengruppe - Bildhauer Gottfried Goetting, 1860). Das Glockengeschoss darueber wird von großen Rundbogenfenstern in Blendnischen betont. Den Turmabschluss bildet eine ausdrucksvolle Blausteinbalustrade mit Vasenbekroenung an den Ecken (Hoehe der Bruestungsplattform 24,30 m), hinter der die Laterne aus Stahlbeton mit der zierlichen, zwiebelfoermigen Schieferhaube aufsteigt, die ein vergoldeter Knauf abschließt (Hoehe 16,50 m; Architekt Hans Kuepper, 1972/73). Bekroent wird der Turm seit 1974 von einer als Windfahne ausgearbeiteten vergoldeten Figur des Kirchenpatrons St. Michael (Hoehe 1,20 m; Bildhauer Bonifatius Stirnberg) auf einem schmiedeeisernen Kreuz (Hoehe 7 m; Gebr. Schoenbrod). An der Nordseite des Turmes ist ein schmaler, rechteckiger Treppenturm mit kleinen, blausteingerahmten Fenstern angebaut. Die suedliche Turmwand zeigt im Erdgeschoss eine portalartige, blausteinverblendete Fensternische mit dem Chronogramm 1892:

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Der neue Turm vermehrt
 
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den Ruhm des Patrons
 
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Michael in der Stadt
  
(Burtscheid)

Die Schmuckformen und Wandgliederungen an Langhaus und Chor sind sparsamer gehalten. Ein kraeftiges, mehrfach gestuftes Dachgesims umzieht das gesamte Gebaeude und betont die Konturen. Die Waende des Quer- und Pseudoquerschiffes werden durch Blendnischen bzw. -felder strukturiert und an den Ecken durch abgerundete, profilierte Kanten betont. In die noerdliche und suedliche Querhauswand sowie in die Waende des Chorjoches sind große, die Obergadenzone einschließende rundbogige Fenster mit einer sparsam gequaderten Blausteinrahmungen eingelassen, in der mittleren Wand des Chorhauptes oeffnet sich ein rundes Okulusfenster. An den Waenden der Seitenschiffe bezeichnen jeweils vier groeßere Stichbogenfenster und entsprechend kleinere im Obergaden des Hauptschiffes die Jocheinteilung des Innenraums. Oberhalb der Seitenschiffe (Dachrestaurierung 1983) erfolgt eine weitere leichte Wandgliederung durch schmale, bis zum Dach hochgefuehrte schlichte Streben als Fortsetzung des Mittelpfeiler, deren Abschluss sich mit dem Gesims verbindet. Ein zweites Portal in schlichter Blausteinrahmung befindet sich in der suedlichen Querschiffwand unterhalb des großen Fensters, zwei weitere in den Seitenwaenden des Scheinquerschiffes, wobei dasjenige an der Nordseite seit 1986 mit einer Rampe fuer Rollstuhlfahrer ausgestattet ist. Das in seinem unteren Abschnitt von zierlichen Gauben unterbrochene schiefergedeckte Mansarddach (Firsthoehe 18,70 m) gipfelt in einer dreistufigen, vasenbekroenten Vierungshaube (Hoehe 24,10 m; 1979-82 nach Plaenen Couvens wiederhergestellt durch Hans Kuepper). Die oestliche Firstspitze wird durch ein Kreuz betont.

Das Innere der dreischiffigen Pfeilerbasilika ist nach seiner Restaurierung 1985/86 (Architekt Herbert Queck) und Ausmalung (1986; Emil Philipp/Santiago Cardo) von einer hellen, zarten Farbigkeit. Die farbliche Fassung unterstuetzt in Ihrer Wirkung die vorgegebene Raumarchitektur und fuegt sich in Stilmerkmalen und Maltechnik der klassizistischen Architektur ein. Die Ausmalung mit mineralischen Farben ist von drei Elementen gekennzeichnet: Die Wand-, Decken- und Gewoelbeflaechen weisen eine einheitliche Farbgebung (hellrosa bzw. hellblau) auf, die durch Uebertupfung strukturiert ist. Zwei verschiedene Marmorierungen, eine staerkere fuer Mittelschiff und Chor, eine zurueckhaltendere zu den Seitenschiffen hin, betonen die vertikalen und horizontalen Baustrukturen, wobei der Wechsel der Marmorierung dem Wechsel der Profilierung der Pfeilersockel folgt. Die Teilvergoldung der Kapitelle und weiterer Architekturglieder hebt die plastischen Elemente hervor.

Fuenf Pfeilerpaare auf kraeftigen Blausteinsockeln teilen das aus fuenf Jochen gebildete Langhaus in das breitere und verhaeltnismaeßig hohe Mittelschiff (Hoehe des Gewoelbescheitels 12,70 m, des Gesimses 7,70 m) und zwei schmalere, niedrigere Seitenschiffe (Hoehe 8 m). Zum Mittelschiff hin nehmen die auf kraeftigen und lebhaft gemusterten Pilastervorlagen ruhenden reich geschnitzten, vergoldeten Kapitelle das vielfach gestufte, durch ein marmoriertes Band unterteilte, weit vorkragende Gesims auf. Darueber setzen die Gurtboegen der unterschiedlich breiten Tonnengewoelbe mit Stichkappen an. In dreiviertel Pfeilerhoehe nehmen weitere, zurueckhaltender marmorierte Pilastervorlagen die Gurt- und Schildboegen der Seitenschiffjoche auf, die mit Haengekuppeln eingewoelbt sind. Jedem Langhausjoch ist an beiden Seiten jeweils ein kleines Stichbogenfenster im Obergaden, ein groeßeres in den Seitenschiffwaenden zugeordnet. Die gesamte Fensterverglasung besteht aus einem schlichten Rechteckbleinetz mit leicht farbig getoenten Antikglasscheiben. Auch im Innern der Kirche ist das vierte Joch, die Stelle des frueheren Turmes, hervorgehoben. Es ist breiter als die uebrigen Joche, und seine Arkaden durchbrechen mit ihrer groeßeren Hoehe das umlaufende Gesims und sind durch eine besondere Stukkatur akzentuiert. In den zugehoerigen Seitenschiffen befinden sich die hinteren Eingangstueren.

Ueber die Vierung woelbt sich, eingespannt zwischen die Vierungsboegen und die Pendentifs, die fensterlose Rundkuppel (Hoehe 17,50 m). Den unteren Rand umzieht ein feingestuftes Gesims (Hoehe 13,20 m). In der Mitte der Flachkuppel ist das Lamm Gottes mit der Triumphfahne in einer Strahlen- und Wolkenglorie dargestellt. Hier wie auch in den Chorgewoelben werden die besondere Bedeutung der Raeume und das Firmament in Form von goldenen Sternen angedeutet. Die Querschiffarme mit geradem Abschluss sind wie die Mittelschiffjoche durch je eine Gewoelbetonne mit Stichkappen gedeckt. An der Nord- und Suedwand durchbrechen die großen Rundbogenfenster ebenso sie die Arkaden des Scheinquerschiffes das Gesims. In der Suedwand befindet sich zusaetzlich eine Eingangstür.

Der um eine Stufe erhoehte Chor besteht aus einem kreuzgewoelbten Rechteckjoch und einem dreiseitigen, bis auf den Okulus fensterlosen Chorhaupt. Die Pilastergliederung und die Gesimsfuehrung - letztere wieder wie in den Querschiffen durch die großen Chor- und Rundfenster unterbrochen - setzen sich hier in einer reicheren Stufung und Ausgestaltung der Pilaster und Kapitelle fort, wobei das von einer Strahlenglorie umgebene Okulusfenster die Mittelpartie besonders akzentuiert. Durch die flach ausschwingenden, fensterlosen Waende des Chorpolygons mit der darueber befindlichen Teilkuppel erhaelt der Chorraum eine konzentrierende Geschlossenheit. Die leichte Schwingung der Seitenwaende setzt sich fort in den Kehlungen der oestlichen Vierungspfeiler und der Ostdecken des Querhauses sowie in der Linienfuehrung der Chorstufe und wird wieder aufgenommen in den Tuergewaendern des Scheinquerschiffes. Unter den Chorfenstern befinden sich die Eingaengen zur Sakristei bzw. zu einer Werktagskapelle.

An das Langhaus schließt sich im Westen die Turmhalle an. Sie ist im unteren Teil mit einem durch flache Pilaster gegliederten Blausteingewaende versehen, in das an der Suedseite die Kriegergedaechtnistafel eingemeißelt ist. An der Nordseite befindet sich der Zugang zum Treppenturm. in der Weihnachtszeit ist die Turmkapelle Standort der bedeutenden Barockkrippe, die der Pfarrgemeinde 1986 gestiftet worden ist. Ein reich gestaltetes, schmiedeeisernes, zweifluegeliges Gittertor (Neo-Rokoko; um 1900 nach einem Entwurf von Joseph Buchkremer) ermoeglicht die Abtrennung der Turmhalle vom Langhaus.

Der Fußboden der Kirche ist mit einheitlich getoenten Blausteinplatten ausgelegt, die mit den Pfeilersockeln korrespondieren. Im Chor weist der Boden eine farbige Gestaltung auf: dunkel- und helltoenige Blausteinplatten wechseln mit rosa Marmorfliesen aus St. Remy. Das geschweifte dreistufige Blausteinpodium vor dem Altar hat, gerahmt von dunkeltoenigen Blausteinplatten, einen perspektivisch wirkenden dreifarbigen Belag (nach Entwuerfen Couvens).

Kirche mit induktiver Höranlage für Hörgeschädigte.
Kirche mit induktiver Höranlage für Hörgeschädigte.
Pfarrkirche St. Michael (c) pfarreieigen
Couven: Reicher Entwurf (c) pfarreieigen
Couven: Reicher Entwurf
Grundriss (c) H. Queck
Grundriss
St. Michael - Südansicht um 1905 (c) H. u. I. Doerenkamp
St. Michael - Südansicht um 1905