Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. Röm 8, 18
Paulus schrieb aus der Perspektive einer noch jungen Gemeinde, die Zurückweisung und Verfolgung ausgesetzt war, und der viele Menschen angehörten, die im Römischen Reich eher am Rande der Gesellschaft standen. "Die Leiden der gegenwärtigen Zeit" waren für sie häufig unmittelbare persönliche Erfahrung.
Wir leben in einer Gesellschaft, der es im historischen und geographischen Vergleich außerordentlich gut geht: Lebenserwartung, Gesundheitsvorsorge, Sicherheit und materieller Wohlstand in Europa sind - immer noch - auf einem Niveau, von dem die meisten Menschen auch heute nur träumen können. (Oder sie machen sich auf den Weg, um ein wenig daran teilhaben zu können.)
Erreichen uns die Worte des Apostels überhaupt in einer Situation, aus der heraus wir ihren Sinn nachvollziehen können? Reicht es dafür schon aus, dass viele den Eindruck haben, der Boden, auf dem wir stehen, beginne langsam zu schwanken? Oder müssen wir uns eingestehen, dass wir - gesellschaftlich - immer noch satt sind und "die Leiden der gegenwärtigen Zeit" vor allem andere betreffen?
Vielleicht meint Paulus aber noch etwas anderes, die Erfahrung, dass alles menschliche Leben unvollkommen ist, angelegt auf so viel mehr? Dass es ein unstillbares Bedürfnis nach Transzendenz geben könnte, das in keinem noch so gelingenden Leben befriedigt werden kann?
Es scheint gar nicht so einfach, beiden Perspektiven gerecht zu werden - dankbar zu sein für das, was uns gegeben ist, das Leben zu lieben, es zu feiern, und anzuerkennen, dass es uns villeicht mehr gibt, als wir je verdient haben - und sich gleichzeitig offen zu halten für ein Noch Mehr, das alles Gegebene in ein ganz anderes Licht taucht.